Weißstörche im Winter

  • Weißstorch (Ciconia ciconia) bei Minusgraden, (c) Hans-Jürgen Thorns/NABU-naturgucker.de

„Wenn die Störche wieder da waren, dann durften wir barfuß laufen.“ Diese Erinnerung an eine lang zurückliegende Dorfkindheit erzählt davon, wie selbstverständlich der Kulturfolger Weißstorch früher zum Leben der Menschen dazugehörte. Sie veranschaulicht auch, wie zuverlässig sein Zugverhalten den Wechsel der phänologischen Jahreszeiten anzeigte.

Nun sind die Weißstörche nicht nur nach einem Winter, sondern nach ihrem fast vollständigen Verschwinden aus Deutschland glücklicherweise zu uns zurückgekehrt – intensiven Schutzbemühungen sei Dank. Doch nicht mehr alle halten sich an die Tradition: Zunehmend ist zu beobachten, dass Störche hier überwintern anstatt die kalte Jahreszeit im warmen Süden zu verbringen. Wir möchten wissen, wie es mit den Winterstörchen weitergeht und auch, wie es dem noch immer gefährdeten Rückkehrer ganz allgemein in Deutschland geht.

Beobachtungen melden und Verwechslungsarten erkennen

Die Web-App → Weißstorch & Co. ist für Sie kostenlos nutzbar. Sowohl auf Smartphones als auch auf Tablets, Laptops und Desktop-Geräten (Windows, Mac etc.) lässt sie sich per Browser aufrufen; eine Installation ist nicht erforderlich.

In der Web-App finden Sie ein Artporträt des Weißstorchs, in dem Aussehen und Lebensweise beschrieben werden. Um die Bestimmung noch zu erleichtern, werden auch vier mögliche Verwechslungsarten mit ihren Unterscheidungsmerkmalen zum Weißstorch beschrieben.

Das integrierte Meldeformular der Web-App ist bebildert und unterstützt Sie ebenfalls dabei, die Arten zu erkennen. Darüber hinaus können Sie direkt aus der Web-App heraus die auf NABU-naturgucker.de veröffentlichten Beobachtungen des Weißstorchs aufrufen und ansehen.

Weshalb Name und E-Mail-Adresse beim Melden wichtig sind

Vielleicht fragen Sie sich, weshalb Sie beim Melden Ihrer Beobachtungen mithilfe unserer Web-App Ihren Namen und Ihre E-Mail-Adresse angeben müssen. Das hat wichtige Gründe:

  1. Wir sind dazu verpflichtet, die gesetzlichen Vorgaben zur Kennzeichnung Urheberrecht zu befolgen. Das bedeutet, auf unserer Webseite dargestellte Beobachtungen und Bilder müssen mit den Namen der Melder*innen gekennzeichnet werden. Hintergrundinformationen dazu finden Sie in einem → Beitrag zu diesem Thema.
  2. Alle über die Web-App gemeldeten und auf NABU-naturgucker.de veröffentlichten Beobachtungen und Bilder werden der Forschung und dem Naturschutz zur Verfügung gestellt. Bei der Auswertung der Daten kann es geschehen, dass sich Rückfragen zu einzelnen Sichtungen ergeben. Dafür ist es wichtig, dass wir Sie per E-Mail erreichen können. Sollen Ihre Daten in einer wissenschaftlichen Publikation zitiert werden, erfolgt dies in der Regel wegen der Urheberrechtsvorgaben mit Namen; siehe dazu auch Punkt 1.

Grundsätzlich behandelt NABU-naturgucker.de Ihre personenbezogenen Daten so, dass die Vorgaben der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der Europäischen Union erfüllt sind. Hier finden Sie unsere → Datenschutzerklärung.

Tipps zur Technik

Am besten läuft die Web-App im Browser Chrome. In anderen Browsern kann es zu längeren Ladezeiten etc. kommen. Nach einiger Zeit (meist ca. 15 Minuten) der Nichtbenutzung wird die Serversitzung automatisch beendet. Um die Web-App weiter verwenden zu können, laden Sie sie noch einmal neu.

Wenn Sie möchten, dass Ihre aktuelle Position vom Smartphone automatisch ins Meldeformular übernommen werden kann, geben Sie dies bitte frei. Gegebenenfalls müssen Sie dazu die Datenschutzeinstellungen bzw. die Freigabe der Ortungsdienste an Ihrem Gerät bearbeiten. Auf dem iPhone ist es erforderlich, im Browser die Ortungsdienste freizugeben und in den Ortungsdiensten wiederum den Browser.

Falls Sie Hilfe bei der Bedienung der Web-App benötigen, besuchen Sie bitte unsere → Hilfeseiten.

Projektzeitraum

Wenn Störche ihr übliches Zugverhalten zeigen, dann brechen sie zwischen Mitte August und Anfang September in die Überwinterungsquartiere auf. Die Rückkehr findet zwischen Anfang März und Ende April statt. Berücksichtigt man noch mögliche „Früh-Rückkehrer“ und „Spät-Aufbrecher“, so geben Beobachtungen von Anfang November bis Ende Januar am besten Aufschluss über nicht ziehende „Winterstörche“. Doch auch ganzjährig sind all Ihre Beobachtungsdaten zu Weißstörchen auf → NABU-naturgucker.de sehr willkommen.

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Gestatten: Adebar

Obwohl er lange fast von der Bildfläche in Deutschland verschwunden war, kennt den Weißstorch (Ciconia ciconia) buchstäblich jedes Kind. Mit langen roten Beinen schreitet er über Wiesen oder Sumpfland und fängt dabei mit seinem mächtigen roten Schnabel Beutetiere wie Mäuse oder Frösche. Das Federkleid leuchtet weiß, nur die Schwungfedern und Teile der Flügeloberseiten bilden einen schwarzen Kontrast. Mit dieser typischen Farbgebung und einer Körperlänge von 80 bis 110 cm ist der imposante Vogel weithin sichtbar. Sein umgangssprachlicher Name „Klapperstorch“ geht auf die „Storchensprache“ zurück: Nicht mit der schwach ausgeprägten Stimme, sondern über das Klappern des Schnabels verständigen sich Weißstörche untereinander.

Storch, Mensch und Naturschutz

Uns sind sein Anblick und das typische Klappern so vertraut, weil der Weißstorch ein Kulturfolger ist: Die extensive Landwirtschaft der Vergangenheit und menschliche Bauwerke boten ihm hervorragende Bedingungen für Nahrungsbeschaffung und Nestbau. So prägte seine Anwesenheit während der Brutsaison deutschlandweit das Bild von Dörfern und Kleinstädten.

Dies änderte sich erst ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts durch die Intensivierung der Landnutzung, Entwässerung von Feuchtgebieten und den Einsatz von Pestiziden. Den Tiefpunkt hatten die Weißstorchbestände in Deutschland im Jahr 1988 mit weniger als 3000 Brutpaaren erreicht, sodass der Klapperstorch den meisten Menschen nur noch in Liedern, Bildern und Geschichten begegnete – und als Wappentier des NABU, der sich seinen Schutz ganz besonders auf die Fahnen geschrieben hat.

Die Rückkehr des Weißstorchs nach Deutschland wird vom NABU als eine der großen Erfolgsgeschichten des Naturschutzes betrachtet. Noch immer reichen aber seine Bruterfolge hier nicht aus, um die Verluste auszugleichen. Es bedarf anhaltender Schutzbemühungen, vor allem in Form von Lebensraumerhalt und -wiederherstellung. Mehr Informationen des NABU zu Gefährdungsursachen und Schutzmaßnahmen finden Sie in unseren → Linktipps.

Ernährung und Lebensraum

Auf Adebars vielfältigem Speiseplan stehen neben Amphibien und Kleinsäugern wie Fröschen und Mäusen auch Regenwürmer, Eidechsen, Insekten, Fische und manchmal auch Aas. Gelegentlich räubert er sogar ein Küken von Bodenbrütern wie Kiebitz oder Fasan. Da der Weißstorch nicht auf eine bestimmte Nahrungsquelle spezialisiert ist, sondern sich an das hält, was in seinem Lebensraum am besten verfügbar ist, wird er als Nahrungsopportunist bezeichnet. Beste Bedingungen findet er in offenen Kulturlandschaften mit extensiv bewirtschafteten Wiesen und Weiden, idealerweise in Form von Feuchtgrünland. Man trifft ihn auch an Gewässerrändern bei der Jagd an. Hier durchschnäbelt er das Wasser nach Beute. Ein geschickter Fischfänger wie der Graureiher ist er allerdings nicht.

Fortpflanzung

Da Weißstorch-Brutpaare zu ihrem angestammten Horst zurückkehren und dort wiederholt gemeinsam Junge aufziehen, hält man sie allgemeinhin für treue Ehepartner. Die Treue gilt allerdings ganz unromantisch dem Horst und nicht dem Partner. Da beide demselben trauten Heim treu sind, ergibt sich die Verpartnerung meist automatisch, kann aber auch wechseln.

Jedes Jahr wird der Horst ausgebessert und erweitert, sodass gewaltige Bauwerke von über 20 Zentnern Gewicht entstehen können. Befindet sich solch ein Storchenanwesen auf einem Gebäude, ruft das schon mal statische Bedenken auf den Plan.

Die Rückkehr aus den afrikanischen Überwinterungsquartieren in die Brutgebiete findet ab Mitte März, meist jedoch Anfang April statt. Das Männchen ist einige Tage früher vor Ort, um schon einmal den Horst zu besetzen und nötigenfalls gegen andere Interessenten zu verteidigen. Solche Auseinandersetzungen werden mit aller Vehemenz geführt und können blutig bis tödlich enden.

Sind beide Partner am Horst angekommen, findet dort die Paarung statt. Die Störchin legt unter hiesigen Umweltbedingungen meist 3 bis 4 Eier. Daraus schlüpfen nach 5 Wochen Brutzeit die Jungen, die in den ersten Wochen hauptsächlich mit Regenwürmern gefüttert werden. Nahrung beschafft immer nur ein Elterntier zur Zeit, während das andere am Horst bleibt, um die Jungen vor Fressfeinden oder schlechten Wetterbedingungen zu schützen.

Gut gefüttert und beschützt sind die Jungstörche bereits nach 7 Wochen fast so groß wie ihre Eltern und nach 9 Wochen flügge. Im Alter von 3 Monaten schließlich sind sie selbstständig und treten Mitte August, noch vor ihren Eltern, ganz auf sich gestellt die lange Reise in die afrikanischen Überwinterungsquartiere an. Die Zugrichtung ist ihnen angeboren.

Die Reise der Weißstörche

Weißstörche überwintern – üblicherweise – südlich der Sahara. Man könnte daher meinen, dass es ihnen in den Wintermonaten zu kalt sei in ihren europäischen Brutgebieten. Dies ist allerdings nicht der Grund, warum die großen Vögel zum Ende des Sommers eine lange und gefahrvolle Reise auf sich nehmen. Vielmehr geht es um das Nahrungsangebot, das hierzulande im Winter knapp ist.

Elegante Segelflieger

Auf ihrem Weg zu besseren Nahrungsquellen in den afrikanischen Überwinterungsquartieren legen die Störche oft Strecken von mehr als 10.000 Kilometern zurück. Bewältigbar sind solche Langstreckenflüge für sie durch eine energiesparende Technik: den Segelflug. Mit ihren rund zwei Metern Flügelspannweite nutzen die Tiere geschickt warme Aufwinde, ähnlich wie ein Segelflugzeug. Die entsprechende Thermik entsteht nur über größeren Landflächen. Daher nehmen Störche nicht einfach den kürzesten Weg über das Meer, sondern nutzen Zugrouten, die weitestgehend über Land führen. So werden auf der östlichen Route der Bosporus und auf der westlichen Route die Mittelmeerenge von Gibraltar zu Nadelöhren des Storchenzuges.

Ostzieher und Westzieher

Die europäische Weißstorchenpopulation teilt sich je nach Brutgebiet in sogenannte Ostzieher und Westzieher. Mitten durch Deutschland verläuft die Grenze, an der sich die Zugrouten scheiden. Fast 75 Prozent der deutschen Störche brüten auf der östlichen Seite. Sie nehmen den Weg über die Türkei und den Bosporus, der durch den Nahen Osten zunächst in den Sudan führt. Von dort geht es weiter nach Tansania oder sogar bis nach Südafrika.

Auf der westlichen Route ziehen die Störche aus Südwestdeutschland, Frankreich, Spanien und der Schweiz über die Meerenge von Gibraltar und die Sahara bis in die westafrikanische Sahelzone zwischen Senegal und Tschad.

Westzieher sind es, die begonnen haben, ihr Zugverhalten zu verändern. Seit einigen Jahren verzichten mehr und mehr Weißstörche auf den Weiterzug über Gibraltar nach Afrika. Sie bleiben stattdessen in Südspanien, wo sie auf Mülldeponien genügend Nahrung finden. Sogar in Deutschland sind nun zunehmend überwinternde Störche zu beobachten. Schnell haben sie den Namen → „Winterstörche“ bekommen und werden gespannt beobachtet.

Winterstörche

Weißstörche in Schnee und Kälte – dieses ungewohnte Bild ist in Deutschland zunehmend zu beobachten. Sorgen um einen erfrierenden Meister Adebar braucht man sich dabei nicht zu machen. Er mag kältere Füße haben als im warmen Süden. Doch dank seiner stattlichen Größe kann er die Körperwärme gut speichern. Zudem hält er sich durch Aufplustern des Gefieders warm. Das übliche Zugverhalten ist dementsprechend keine Flucht vor der Kälte des europäischen Winters, sondern eine Anpassung an winterlichen Nahrungsmangel.

Für den Nahrungsvorteil in den afrikanischen Überwinterungsquartieren nehmen Weißstörche erheblichen Energieaufwand und Gefahren in Kauf. Vor allem menschengemachte Gefahren sind für die Weißstorchbestände kritisch: Elektrische Freileitungen, intensive Bejagung und Vergiftung sowie der Verlust von Rastgebieten machen den Zug für viele Tiere zu einer Reise ohne Wiederkehr. Mehr zu diesem Thema findet sich in unseren → Linktipps.

Seit einigen Jahren werden mehr und mehr Weißstörche beobachtet, die diese Reise nicht antreten und stattdessen in Deutschland überwintern. Die NABU-Bundesarbeitsgruppe Weißstorchschutz führt ein regelmäßiges Monitoring durch und kam auf jeweils mehrere Hundert Vögel, die in den letzten Jahren hiergeblieben sind. Ein gut dokumentierter Hotspot der Winterstörche war bisher Hessen. Allein im Hessischen Ried wurden laut dem NABU-Weißstorch-Experten Bernd Petri im Winter 2022/23 über 300 Störche beobachtet. Petri geht davon aus, dass es das Phänomen Winterstorch auch in anderen Landesteilen gibt. 

Über die Gründe für das veränderte Zugverhalten kann im Moment nur spekuliert werden. Ermöglicht wird es zumindest durch mildere Winter mit weniger Schnee, in denen der Nahrungsopportunist Storch auch bei uns genügend Mäuse, Würmer oder Abfall auf offenen Mülldeponien findet – ohne, dass er dafür den Preis eines kräftezehrenden und gefährlichen Zuges zahlen muss.

Ein weiterer Vorteil lässt sich darin erkennen, dass „Daheimgebliebene“ zu Beginn der Brutsaison einen Vorsprung haben: Sie sind früher als ihre reisenden Artgenossen zur Stelle, um sich einen Brutplatz zu sichern.

Auch Einflüsse wie etwa Zufütterung durch Menschen oder Prägungen durch Wiederansiedlungsprogramme könnten eine Rolle spielen.

Jede Beobachtungsmeldung von Weißstörchen hilft dabei, dieses neue Phänomen zu erforschen!

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