Zur Qualität unserer Daten

Meldungen von Naturbeobachtungen sind Zeugenaussagen!

Sie müssen daher auch als solche behandelt werden!1

Im Rechtswesen ist der spezielle Charakter von Zeugenaussagen durchweg anerkannt und wissenschaftlich intensiv untersucht. So werden die Tücken der menschlichen Wahrnehmung und der Entscheidungsprozesse detailliert analysiert, die potenziellen Folgen oft genutzter Heuristiken, die zahlreich auftretenden Wahrnehmungsverzerrungen und sozial bedingten Verhaltensweisen „eingepreist“, also bei der Bewertung von Zeugenaussage entsprechend berücksichtigt.

Geht es um Naturbeobachtungsdaten, wird all dies bislang noch kaum beachtet. Viele Menschen sind noch immer davon überzeugt, dass zumindest Expert*innen grundsätzlich zwischen richtigen und falschen Bestimmungen objektiv unterscheiden könnten und dass ein solches Validierungsergebnis uneingeschränkt gültig sei. Doch auch Expert*innen sind Menschen …

Mehrstufiges System zur Verbesserung der Datenqualität

Weil NABU|naturgucker sich dieser Problematiken bewusst ist, haben wir für NABU-naturgucker.de zur Verbesserung der grundsätzlichen Datenqualität zahlreiche Einzelmaßnahmen etabliert. Diese berücksichtigen den Charakter der Naturbeobachtungen als Zeugenaussagen und sind parallel und/oder sequenziell auf mehreren Stufen wirksam.

  1. Fachhinweise bei der Erfassung von Beobachtungsdaten
    Werden Arten erfasst, die an einem Ort bislang nicht oder nur selten gemeldet wurden oder bei denen das Meldedatum nicht zu den bisher vorliegenden Beobachtungen passt, beziehungsweise werden sie in bis dato nicht gemeldeter Individuenstärke angegeben, wird den Meldenden ein Fachhinweis angezeigt. Dieser ist verbunden mit der Bitte, die Meldung vor dem Speichern kritisch zu prüfen.
  2. Kommentare an Beobachtungen und Bildern/Videos
    Sämtliche Beobachtungen und Bilder/Videos können von allen Aktiven kritisch kommentiert werden. Die Mehrheit der gut 1,7 Millionen Kommentare (Stand Januar 2024) beschäftigt sich unter anderem mit Bestimmungsfragen. Durch die transparenten Diskussionen können alle Beteiligten sowie jene, die nicht beteiligt sind, aber die Kommentare lesen, zusätzliches Artenwissen erlangen. Wichtig für die gute Akzeptanz ist dabei ein freundlicher, stets respektvoller Meinungsaustausch auf Augenhöhe.
  3. Fachbeirat
    Rund 20 ehrenamtlich tätige Artenkenner*innen schauen nach Besonderheiten in „ihrer” Artengruppe und weisen Beobachter*innen über Kommentierungen auf mögliche Unstimmigkeiten hin.
  4. Bestimmungsrelevante Bilder
    Darstellung der Arten/Taxa auf NABU-naturgucker.de werden mit zur Bestimmung geeigneten Bildern in den Bildergalerien ergänzt, die durch die redaktionelle Gruppe der sogenannten Bildrelevanzler*innen ausgewählt werden. Diese Bilder sind besonders für eine vergleichende Bestimmung geeignet, da sie bestimmungsrelevante Merkmale zeigen.
  5. Web-Apps mit Artporträts
    Im Projekt NABU|naturgucker-Akademie werden Artporträts zu rund 3 000 Arten erarbeitet, für die bestimmungsrelevante Merkmale in ausgewählten Bildern gekennzeichnet sind. Diese Bilder stehen via Web-Apps und Web-Systemseite allen Beobachter*innen frei zur Verfügung.
  6. Interaktiver Stammbaum zur bildbasierten Bestimmungsunterstützung und Recherche
    Auf Basis typischer Bilder hilft ein interaktiver Stammbaum des Lebens als bildbasierte Bestimmungshilfe häufig bis auf Artniveau und unterstützt so die eigene Recherche.
  7. Statistische Datenkennwerte für zahlreiche in Deutschland vorkommende Arten
    Seit 2017 weist NABU-naturgucker.de auf den Seiten zahlreicher in Deutschland vorkommender Arten zwei statistische → Datenkennwerte auf Basis unseres Datenbestandes aus. Der → IDB ist ein Maß für die statistische Belastbarkeit des Datensatzes einer Art. Der → mAI-Wert trifft eine Aussage zur relativen Beobachtungshäufigkeit einer Art. Ergänzend dazu wird die absolute Beobachtungshäufigkeit auf Basis der Daten auf NABU-naturgucker.de angezeigt.
  8. „Alienbeobachtungen”
    Meldungen zu Beobachtungen, die keine ernstzunehmende Wahrscheinlichkeit haben (Pottwal-Sichtung in der Sahara), können systemseitig als „höchst unwahrscheinlich” gekennzeichnet werden. Sie bleiben für alle sichtbar, werden aber aus Fundkarten und Phänologiediagrammen ausgeblendet. Bislang wurden von knapp 16 Millionen Beobachtungsmeldungen nur gut 1 000 derart gekennzeichnet (Stand Januar 2024). Durch dieses Vorgehen im Sinne einer Annotation bleibt der Originaldatensatz für heute noch unbekannte, zukünftige Fragestellungen und Forschungsinhalte unverändert erhalten und wird nicht korrumpiert. Eine solche Kennzeichnung der Beobachtungsdaten erfolgt manuell und kann lediglich von einigen Administrator*innen durchgeführt werden.

Wie wirksam dieses System für die Datenqualität bei NABU-naturgucker.de ist, zeigt eine exemplarische Untersuchung des NABU Landesverbandes Rheinland-Pfalz aus dem Jahr 2018 auf Basis von über 40 000 Datensätzen: 98 % der Daten waren plausibel, die Restlichen konnten nicht bewertet werden.

Dies bedeutet natürlich nicht, dass alle auf NABU-naturgucker.de veröffentlichten Naturbeobachtungs- daten sowie die auf Fotos und in Videos gezeigten Arten richtig bestimmt sind. Fehlerfreiheit ist aufgrund des Charakters der Meldung einer Naturbeobachtung als Zeugenaussagen grundsätzlich nicht zu erreichen. Ein Kategorisieren als richtig oder falsch ist deshalb in den meisten Fällen nicht möglich. Die Entscheidung darüber, welche Daten glaubwürdig und damit für das eigene Untersuchungsvorhaben nutzbar erscheinen, ist die kontextbezogene Aufgabe und individuelle Verantwortung des/der Autor*in, Forscher*in etc. selbst und kann nicht von der NABU|naturgucker-Gemeinschaft geleistet werden.

  1. → Unser Verständnis von Daten ↩︎